Prunkgefässe aus Bergkristall – Orchideen der Kunstgeschichte

Bergkristall Doppelpokal. Italienischer Meister nach 1550.

Bergkristall Doppelpokal. Italienischer Meister nach 1550.

In den Schweizer Alpen wird schon seit Jahrhunderten gestrahlt und immer wieder gab es Grossfunde. Wohin gingen die Kristalle damals? Viele von ihnen wurden von italienischen Händlern aufgekauft und landeten schliesslich in den Steinschleiferateliers von Mailand. Einige der dort entstandenen Kunstwerke sind heute in der grössten Sammlung seiner Art zu bewundern: im Kunsthistorischen Museum von Wien.

Da Bergkristall ein schwer zu bearbeitender Werkstoff ist, liegt in seiner kunsthandwerklichen Bearbeitung eine Prise verspielter Extravaganz und Virtuosität – eine geistige Zutat, an der es in der italienischen Renaissance, Blütezeit der Bergkristallbearbeitung, bestimmt nicht gemangelt hat und die – nebst klassischen Darstellungen der Antike – Motive spriessen liess wie Löwen, Fabeltiere und tropische Vogelarten. Förderlich war auch der Reiz des natürlich gewachsenen Materials und v.a. das damalige Wiederaufleben mittelalterlich-heidnischer Anschauungen über die Heilkraft und die Wunderwirkungen der Kristalle. Und: dem herrschenden Maschinen- und Tüftlergeist entsprangen neue, verbesserte Steinschleifgeräte – mit Wasserrädern betriebene Steinmühlen mit feinen Rädchen und „Zeigern“ – welche die Technik mit Tief- und Hochschnitt zur höchsten Stufe der Vollendung brachten.

Bergkristall Humpen eines mailändischen Meisters aus der Werkstatt der Saracchi, Ende des 16. JH

Bergkristall Humpen eines mailändischen Meisters aus der Werkstatt der Saracchi, Ende des 16. JH

Nebst der italienischen Renaissance blieb die Bergkristallbearbeitung in der Kunstgeschichte ein eher singuläres Phänomen – eines, das zwar immer wieder aufflackerte, aber keine Kontinuität an den Tag zu legen vermochte: während aus dem Altertum nur äusserst wenige, winzige, einfache Gegenstände erhalten blieben, was die geringe Bedeutung der Bergkristallbearbeitung veranschaulicht, sind spätere singuläre Höhepunkte in der merowingischen Zeit (481-714), in der Karolingerzeit und der Burgunderzeit zu verorten. Arbeiten des 14. Jahrhunderts aus Paris und Freiburg im Breisgau (noch heute die spirituellste, heidnischste Stadt Deutschlands…) waren Nährboden für die späteren Kunstwerke Mailands.

Doppelt „orchideeig“: Während die Kunstgeschichte selbst als orchideenhaftes Studium gilt, sind Prunkgefässe aus Bergkristall ein typisches Orchideenthema innerhalb der Kunstgeschichte. 🙂

Beachten Sie auch das Abbildungsverzeichnis im Anschluss zu den Bildern.

Drache aus Bergkristall von spanischem Meister des 17. JH

Drache aus Bergkristall von spanischem Meister des 17. JH

Doppelpokal aus Bergkristall. Mailand, nach 1550.

Doppelpokal aus Bergkristall. Mailand, nach 1550.

Trinkgefäss in Vogelgestalt. Mailändischer Meister aus der Werkstatt der Saracchi, Ende 16. JH.

Trinkgefäss in Vogelgestalt. Mailändischer Meister aus der Werkstatt der Saracchi, Ende 16. JH.

Bergkristall Vase mit Sirenenhenkeln. Oberitalienischer Meister des 17. JH

Bergkristall Vase mit Sirenenhenkeln. Oberitalienischer Meister des 17. JH


Abbildungsverzeichnis

Nachfolgend die Beschreibungen der sechs abgebildeten Prunkgefässe aus Bergkristall (von oben nach unten):

1. Italienischer Meister, nach 1550. Doppelpokal. H: 259mm. Fassung in Gold mit Email. Die Szenen der Wanderungen nach verschiedenen Vorlagen: Diana und Aktäon nach dem Stich von Bonasons (angeblich nach Raffael), Caccus nach einer Gemme, Venus und Adonis nach Tizians Gemälde in Madrid (um 1554), Leda nach Stichen, welche auf Michelangelo zurückgehen und Urteil des Paris nach einer unbekannten Vorlage. Schon 1596 in den Sammlungen des Schlosses Ambras in Tirol nachweisbar.

2. Meiländischer Meister, Werkstatt der Saracchi vom Ende des 16. JH. Zylindrischer Humpen. H: 251mm. Fassung aus Goldemail. Bacchus, den Tiger zähmend; Silen, auf einem Esel reitend und von Bacchantinnen umgeben.

3. Spanischer Meister des 17. JH. Drache. H: 436mm. Auf Radgestell. Als Tafelaufsatz verwendet. Gehörte zum Brautschatze der Infantin Margaretha Theresia, welche 1666 Kaiser Leopold I. heiratete. Der Kopf und der Hals des Drachen sind vielleicht sarazenische Arbeit.

4. Mailändischer Meister, nach 1550. Doppelpokal.

5. Meiländischer Meister, Werkstatt der Saracchi vom Ende des 16. JH. Trinkgefäss in Vogelgestalt. H: 231mm. Die Ranken der Emailfassung sind mit kleinen Kameen besetzt. Gemäss einem Bericht des Dominikanerpaters Agostino del Riccio (16. JH) sollen sich in den Kunstschätzen der Medici eine Anzahl solch phantastisch geformter Vogelgefässe befunden haben.

6. Oberitalienischer Meister des 17. JH., Hofwerkstätte in Prag. Vase mit Sirenenhenkeln. H: 544mm. Die Fassung sowie die vergoldete Silbermontierung mit durchbrochenen Emailornamenten weist auf eine Entstehung im 17. JH hin. Die in die Wandung eingeschnittenen Jagdszenen gehen wohl auf Vorbilder des 16. JH zurück, deren Verwendung sich über einen längeren Zeitraum immer wieder nachweisen lässt.

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