Alpine Zerrklüfte – Mutterstube von Bergkristallen

Quarzkristalle und die meisten anderen alpinen Mineralien werden typischerweise aus Zerrklüften geborgen, d.h. aus Hohlräumen im Gebirgskörper mit zwei ebenen oder leicht gewölbten Kluftflächen. Darin wuchsen sie heran. Auch verstreut vorkommende Einzelkristalle (z.B. in Runsen, Schutthalden oder Gletschern) haben letztlich keine andere Herkunft: so entleeren sich verschüttete oder natürlich geöffnete Klüfte und übergeben ihre Mineralien den Kräften der abtragenden Erosion, die sie im Verlauf der Zeit weitläufig verstreut – vor die Füsse jener Berggänger oder Strahler, für die sie bestimmt sind.

Von Strahlern geöffnete Klüfte können sich als reif oder unreif erweisen: Reif sind sie dann, wenn die Kristalle nicht mehr mit dem Muttergestein verbunden sind, sondern lose im Kluftlehm liegen und nur noch eingesammelt werden müssen. Unreif sind sie bei fester Verbindung mit dem Muttergestein. Es sind auch Zwischenformen möglich: häufig fallen eigentlich reife Kristalle nicht heraus, weil sie an ihrer Basis über eine Quarzunterlage fest miteinander verbunden sind und zusammen das Gestein wie eine Eisschale beinahe berührungslos auskleiden.

Obwohl Bergkristalle viel jünger sind als das sie umgebende Nebengestein, begann ihre Entstehung doch bereits vor ca. 10-18 Millionen Jahren – abhängig von tektonischen Bedingungen und lokalen Gegebenheiten. Gegen Ende der alpinen Orogenese (Gebirgsbildung) rissen die Zerrklüfte auf und füllten sich mit einer heissen wässrigen Salzlösung, wobei bestimmte Mineralien des Nebengesteins in Lösung gingen. Unter hohem Druck und extrem langsamer Abkühlung kehrte sich dieser Prozess allmählich um: aus den gesättigten Lösungen setzten sich Neukristallisationen an den Kluftflächen ab und wuchsen je nach Bildungsfaktoren zu jenem weiten Spekturm an Quarzkristallen heran, die man heute – nach ihrer tektonischen Hebung an die Erdoberfläche – bergen kann: Bergkristall, Rauchquarz, Amethyst, Morion – jeweils in verschiedenen Habitustypen, Wuchsformen und Grössen.

Die wichtigsten der angesprochenen Bildungsfaktoren sind die chemische Zusammensetzung des Nebengesteins und der primären Kluftlösung, die Position des Kristalls in der Kluft (wachsen Kristalle z.B. waagrecht zur Kluftfläche, entwickeln sie Dauphiné-Habitus, wachsen sie senkrecht, werden sie grösser als schief wachsende), die Druck- und Temperaturbedingungen im Verlaufe der Kristallisation, Verwachsungen durch artfremde Mineralien oder auch herunterfallende Quarzsplitter, die – als neuer Keim – zusammen mit dem Wirtskristall weiterwachsen.

So unterschiedlich die Ergebnisse der Zerrkluftkristallisation, so unregelmässig sind die mineralbesetzten Zerrklüfte über die Schweizer Alpen verstreut: Mineralreich sind folgende Gebiete: Mont Blanc Massiv, Aarmassiv, Gotthardmassiv, daneben die Regionen Mattertal, Simplon, Binntal, oberstes Maggiatal – Pizzo Forno, Vals – Adula, Calanda – Domleschg – Via Mala.

Auf lange Sicht stossen vermittels tektonischer Hebung immer neue Klüfte an die Oberfläche – jede Generation kann daher nur an sich selbst Raubbau üben, während jene Mineralien, die für zukünftige Generationen vorgesehen sind, zum Glück unerreichbar bleiben.

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